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Spiegelei

Auf meiner täglichen Suche nach dem Wesen der Dinge bin ich immer wieder auf die Frage nach der Freiheit des Menschen gestoßen.
Bisher dachte ich einerseits, dass der Mensch nicht frei ist, hoffte aber andererseits, dass ich mich irrte.
Mit Freiheit meine ich eine zu jedem Zeitpunkt gegebene Möglichkeit des zwanglosen Handelns.

Warum sollte der Mensch diese Möglichkeit nicht haben?
Ich finde es logisch, dass jedes Ereignis in der Welt eine Ursache hat. Wie könnte etwas passieren, ohne dass es einen Grund, ein vorausgegangenes Ereignis dafür gäbe? Selbst wenn der Ursache eines Ereignisses ein chaotischer Prozess zugrunde liegt, so gibt es trotzdem einen Grund, warum eingetreten ist, was eingetreten ist – auch, wenn man selbigen nicht erkennen kann.

Das ist das Wesen des Determinismus und diese Sichtweise würde u.a. zur Folge haben, dass jeder meiner Taten und jedem meiner Gedanken eine Ursache vorausgeht, der ihrerseits wieder andere Ursachen vorausgehen usw., die womöglich alle außerhalb meiner selbst liegen. Somit könnte es keinen freien Willen geben, meine Gedanken und Handlungen wären nur Reaktionen auf die Summe der Ursachen davor.

Ich habe lange Zeit überlegt, wie ich meine Logik mit meiner Hoffnung, also den Determinismus mit dem freien Willen vereinbaren könnte.
Eine (evtl. vorübergehende) Lösung habe ich mit dem Bewusstsein und einer darauf aufbauenden Hilfskonstruktion gefunden. Das Bewusstsein des Menschen ist meiner Meinung nach hauptsächlich durch die Fähigkeit zur Selbstreflexion gekennzeichnet.

Angenommen, wir nehmen einen beliebigen Gegenstand und stellen ihm einen Spiegel gegenüber, so könnte man sagen, der Gegenstand ist die Ursache und das Spiegelbild die Wirkung. Kein Gegenstand – kein Spiegelbild.
Nehmen wir als Gegenstand jedoch einen weiteren Spiegel, so zeigt sich diese “Unendlichkeit”, wie wir sie alle kennen, wenn man zwei Spiegel gegenüberstellt. Genau diese Situation möchte ich als eine Metapher für das Bewusstsein benutzen – die Selbstreflexion ist hier sichtbar gemacht.

Die Konsequenz dieser Vorstellung ist, dass nicht mehr eindeutig gesagt werden kann, was Ursache und was Wirkung ist. Das heisst, es gibt sozusagen einen Prä- und einen Postbewusstseinszustand im Gehirn:
Die ursprüngliche Ursache für die Aktivierung des Bewusstseins verliert sich in seiner unendlichen Reflexion und was dann ausschlaggebend für das Handeln ist, kann in der Tat als freier Wille bezeichnet werden.

Aber was fängt man nun mit dieser Erkenntnis an? Dass es für mich eine Beruhigung ist, hilft den meisten Lesern wahrscheinlich nicht weiter.
Ich glaube, der wichtige Punkt an dieser Erkenntnis ist die Folge, dass man versuchen sollte, sich der Dinge des Lebens wirklich bewusst zu werden. Das liegt im Interesse eines jeden, da anzunehmen ist, dass auch jeder seinen freien Willen als Handlungsgrundlage benutzen möchte.

Hektik, Ungeduld und Unkonzentriertheit sind nur ein paar der typischen menschlichen Verhaltensweisen heutzutage. Sie verhindern, sich mit Hilfe von Besonnenheit und Gewissenhaftigkeit sein Bewusstsein zu erweitern. Einrichtungen wie das Internet und im speziellen Wikipedia helfen zwar dabei, sich Wissen anzueignen, ein Bewusstsein und damit eine eigene menschliche Identität können sie jedoch nicht liefern.
Wissen zu wollen ist eine gute Grundlage für das Streben nach Wahrheit. Sich über das gewusste aber auch bewusst zu werden, ist der nächste und erfüllendere Schritt.

Der Entdecker des LSD, Albert Hofmann, hat 1997 in Leipzig den Vortrag “Meditation und sinnliche Wahrnehmung” gehalten, in dem er folgende Ansicht formulierte:

“Am Sehen lassen sich bis zur Entwicklung zum Schauen verschiedene Stufen unterscheiden:
Den Anfang bildet das bloße Wahrnehmen eines Objektes, ohne dass man sich dessen bewusst ist, ohne dass dieses unser Interesse erweckt.
Die zweite Stufe besteht darin, dass das Objekt unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.
In der dritten Stufe wird das Objekt genau betrachtet und untersucht. Hier beginnt das Denken und die wissenschaftliche Erforschung.
Die höchste Stufe des Sehens aber – der Beziehung ganz allgemein zu einem Objekt und zur Außenwelt überhaupt – ist dann erreicht, wenn die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachter und Betrachtetem, zwischen mir und der Außenwelt bewusstseinsmäßig aufgehoben ist, wenn ich mit der Welt und ihrem geistigen Urgrund eins geworden bin. Das ist der Zustand der Liebe.”

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