home

Selbstverwirklichung? Nichts leichter als das!

Immer, wenn ich dieses Wort hörte, wusste ich nicht richtig, was es eigentlich bedeutet. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen. Es erzeugte eine gewisse Leere in meinem Kopf (nein, die ist vorher nicht schon da gewesen).
Also habe ich einmal genauer überlegt, was Selbstverwirklichung eigentlich sein könnte.

Mein erster Gedanke war, wieso ich mich selbst verwirklichen solle – ich bin doch wirklich! Ich glaube zumindest, dass ich es bin, dass ich real existiere.
Aber diese Antwort schien mir zu einfach; wenn so viele Menschen dieses Wort gebrauchen, dann muss doch mehr dahinter stecken.

Mir ist aufgefallen, dass es die meisten Menschen im Zusammenhang mit der Berufswelt verwenden. Also gut, wie könnte Selbstverwirklichung im Beruf aussehen?
Nehmen wir zum Beispiel den Beruf des Strassenkehrers. Es wird sich jeder vorstellen können, dass Strassenkehren nicht gleich Strassenkehren ist. Der eine hat keine Lust, schaut die ganze Zeit auf die Uhr und schwingt seinen Besen nur huschhusch über den Asphalt. Der andere ist Musiker und bewegt seinen Besen im Takt der Klänge aus seinem MP3-Player und wieder ein anderer ist ein betrogener Perfektionist, der die Zahnbürste seiner Frau für die ganz kleinen Ritzen nimmt.
Es hat also jeder seine eigene Art, die Aufgabe zu erledigen – jeder setzt seine Vorstellung in die Tat um und verwirklicht sich damit selbst.
Ich glaube, man kann das auch auf alle anderen Berufe – ja auf alle Tätigkeiten und Handlungen überhaupt – anwenden: Jeder macht alles so, wie er es für richtig hält. Ich stelle fest:

Selbstverwirklichung ist handlungsimmanent.

Damit ist sie natürlich auch unausweichlich. Und dadurch, dass man sich in seinen Taten zu erkennen gibt, trägt man auch eine Verantwortung sich selbst gegenüber (Liebe Lucky-Strike-Werbemacher, ihr seid ziemlich kreative Köpfe und eure Werbung als solche finde ich sehr gut, aber verwirklicht ihr euch wirklich selbst, wenn ihr Menschen dazu motiviert Gift zu kaufen?).

Doch wovon reden die Leute nun, wenn sie dieses scheinbar gehaltlose Wort verwenden?
Ich schaue bei “Meyers Lexikon online” nach und finde:

“Streben nach Emanzipation von Abhängigkeiten natürlicher, ökonomischer, moralischer sowie metaphysisch-religiöser Art.”

Das erinnert mich an die Aufklärung von Kant. In Anlehnung an seinen berühmten Ausspruch könnte man auch formulieren: “Selbstverwirklichung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.”
Wenn ein über 200 Jahre alter Gedanke in Form eines Modeworts wieder erscheint, so soll mir das sehr recht sein.

Wenn man jedoch den ökonomischen Aspekt der Meyers’schen Definition betrachtet und sich der zumeist berufsbezogenen Verwendung des Wortes Selbstverwirklichung bewusst ist, so stellt sich die Frage, wie sich Menschen von etwas – also hier der ökonomischen Abhängigkeit – emanzipieren wollen, dass die Grundlage – also hier der Beruf, in dem man sich selbst verwirklichen will – für die Emanzipation darstellen soll.

Ich bin mir zwar immer noch nicht im Klaren, was die Menschen meinen, wenn sie von Selbstverwirklichung reden, aber ich glaube inzwischen, dass sie es meistens selbst nicht wissen und damit (sich selbst) nur über die Unklarheit des eigenen Willens hinwegzutäuschen versuchen.

3 Kommentare zu “Selbstverwirklichung? Nichts leichter als das!”

  1. Gravatar Daniel
    09.04.07 00:22
    1

    Für mich persönlich hat Selbstverwirklichung eine Bedeutung, die stark von dem Meyerschen Emanzipationsansatz abweicht:
    Fakt ist, dass das Leben endlich ist. Fakt ist auch, dass wir nicht wissen, was nach dem Ende des Lebens kommt.
    Die Konsequenz ist, dass viele Menschen – so auch ich – das Bedürfnis haben eine Wirkung zu erzielen.
    Wirkung erzielen könnte bedeuten: Die Welt ein Stück besser machen, die Wissenschaft vorran bringen und letztlich sich selbst in dieser Welt zu verwirklichen.

  2. Gravatar Ringo
    09.04.07 18:11
    2

    Erst einmal bekommst Du ein Dankeschön und einen Glückwunsch – Du hast den ersten Kommentar auf meinem Blog geschrieben!

    Ich sehe das eigentlich genauso wie Du. Es ist ein guter Ansatz, die Welt ein Stück besser machen zu wollen. Deshalb auch die “Lucky-Strike-Bemerkung”.
    Nur habe ich dabei nicht ein eventuelles Leben nach dem Tod im Auge, sondern schlicht und ergreifend mein Gewissen.

    Ich bin oft erstaunt darüber, wie viele Menschen Über ein solches nicht zu verfügen scheinen. Meine Vermutung ist, dass hier vieles einfach durch die Gene bestimmt ist.
    Das heisst, wir können (und sollen) zwar versuchen, den Menschen gutes Handeln nahezubringen (indem wir als gutes Beispiel vorangehen), müssen uns aber nicht wundern, wenn diese aufgrund ihrer genetischen Veranlagung nicht in der Lage sind ähnlich zu handeln.

    Deshalb ist es auch vollkommen richtig, die Wissenschaft voranzubringen – wir müssen mehr über uns selbst und unsere Fähigkeiten in Erfahrung bringen.
    Vielleicht interessiert es Dich auch, ich habe mir gerade das Buch “Manifest des evolutionären Humanismus.” (ISBN-10: 3865690114) bestellt; bin gespannt, was da so drin steht.

    Gruß

    edit: Ich habe mir erlaubt, Deinen Link zu ändern – da stand “bloq”, das ich zu “blog” geändert habe.

  3. Gravatar Daniel
    15.04.07 12:47
    3

    Hey,
    ich wollte mit meiner Bemerkung auch nicht auf ein Leben nach dem Tod anspielen sondern auf das Bedürfnis, das Leben vor dem Tod mit Sinn zu füllen – wir scheinen also so im Groben der selben Meinung zu sein :)

    Danke fürs Ändern des Linkes by the way.

    Gruß Daniel

Schreib' doch was dazu:

Kommentare per RSS Feed verfolgen