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Die Überschätzung des Verliebtseins

Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass das Verliebtsein ein wichtiges Ziel, ein unbedingt zu erstrebender Zustand im Leben ist. Mehr noch, es wird als Notwendigkeit empfunden, um glücklich zu sein oder zu werden.

Aber was bedeutet es eigentlich, verliebt zu sein?

Es kennen wohl alle das Gefühl – man hat nur noch Augen für die Person der Begierde, man ist in einem euphorieähnlichen Zustand, die restliche Welt wird ausgeblendet. Abends liegt man im Bett und kann keinen anderen Gedanken fassen. Vielleicht vergießt man auch die ein oder andere Träne und bemitleidet sich damit nur selbst.
Und man spürt natürlich auch die anderen körperlichen Anzeichen in Form von schnellerem Herzschlag oder “Schmetterlingen im Bauch”, von welchen z.B. auch ein Ecstasy-Konsument berichten könnte.

Im Grunde ist es ein Rausch, wie er auch von Drogen verursacht werden könnte. Die Gefahr bei vielen Drogen liegt aber nicht in der eigentlichen Substanz, sondern eben in dem Rausch, den man immer wieder erleben möchte und der zur Abhängigkeit führt.
Ebenso kann das Gefühl des Verliebtseins zu Abhängigkeit führen. Es dürfte der häufigste Trennungsgrund in Beziehungen sein, wenn die Wirkung des Rausches mit den Monaten oder Jahren verschwunden ist, die Partner sich nun mit offenen Augen sehen und realisieren, wie unterschiedlich sie eigentlich sind.
Denn noch in der Phase des Verliebtseins setzt man (rauschinduzierte) Hoffnungen und Erwartungen in die andere Person, die diese unmöglich erfüllen kann. Glück kann nur aus einem selbst kommen. Das kann niemand für einen übernehmen.
Blind macht nicht die Liebe, sondern das Verliebtsein.

Natürlich ist Liebe das, was jeder möchte. Um sie zu empfangen, muss man sie aber auch aussenden können. Und dafür benötigt man eine “Sendeanlage”, die Selbstliebe heisst. Sie ist die Voraussetzung, um glücklich zu sein. Sie ist die Voraussetzung, um mit einem anderen Menschen in einer liebevollen Beziehung zu leben. Sofern man es nicht schon tut, sollte man es also lernen, sich selbst zu lieben.

Hier gibt es allerdings eine Gefahr, die der des Verliebtseins gleicht. Wenn sich statt der Selbstliebe nämlich Selbstverliebtsein einstellt. Auch hier ist man in gewisser Weise blind. Man ist nicht mehr selbstkritisch, man will auch keine Kritik von aussen akzeptieren. Man ist überzeugt, dass das eigene Denken und Handeln das Richtige ist.

Ich glaube, der Leser wird mir zustimmen, dass der Zustand des Selbstverliebtseins nicht erstrebenswert ist. Warum sollte es also das Verliebtsein sein? Natürlich, es kann ein netter, amüsanter Rausch sein, der in manchen Fällen sogar in Liebe münden kann. Aber es ist keine Voraussetzung für Liebe (!) und man sollte sich während des Rausches bewusst sein, dass dieser Geisteszustand, der einem momentan innewohnt, ein temporärer ist.

Die Gefahr des Verliebtseins liegt ausserdem darin, dass man der Täuschung verfällt, man habe sein Ziel erreicht, beziehungsweise werde es damit erreicht haben, eine Beziehung mit dem anderen Menschen zu führen. Im Leben gibt es jedoch kein (wahres) Ziel – der Tod ist unausweichlich, gewinnen kann man dieses Spiel nicht – es gibt nur einen Weg. Den Weg der Erkenntnis. Man erlangt Erkenntnis über sich selbst, über die Strecke, die man bisher zurückgelegt hat und die Neugier, die man zu befriedigen suchte und noch sucht.

Sieht man in diesem Sinne Gleichheit beziehungsweise starke Ähnlichkeit in einer anderen Person, so ergibt sich die zu nutzende Chance, das Kommende gemeinsam zu erleben und mit ihr die Liebe zu entdecken.
Eine Beziehung ist also ein Mittel zum Zweck. Nein, nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern das Mittel zum Zweck. Zum Zweck des Suchens und des Sichfindens, des Zweifelns und des Erkennens, des Genusses der Nähe und der Notwendigkeit der Distanz.

2 Kommentare zu “Die Überschätzung des Verliebtseins”

  1. Gravatar anonymous
    30.11.09 16:39
    1

    schön beschrieben!

  2. Gravatar Ringo
    01.12.09 22:30
    2

    Danke! Mensch, nach fast 3 Jahren endlich ein Kommentar – juhu!

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