Gesunder Ehrgeiz?
23.04.07In unserer Gesellschaft wird der Eindruck vermittelt, der Ehrgeiz sei eine wichtige Eigenschaft, um Erfolg im Leben zu haben. Zumindest beruhe der Erfolg im Beruf darauf und meiner Meinung nach wird dieser landläufig mit dem Erfolg im Leben gleichgesetzt.
Beispiele für die Bedeutung finden sich en masse:
- “Ich habe den Ehrgeiz, Deutschlands Chancen zu nutzen.” – Angela Merkel in “Der Spiegel” vom 25.07.2005
- “Weiter im Aufwind der Strebungen der Jugendlichen befinden sich die Sekundärtugenden, insbesondere Fleiß und Ehrgeiz.” – Shell Jugendstudie 2006
- “Ehrgeiz und Wille zur Macht für Karriere wichtig” – Artikel auf netzeitung.de
Ganz zu schweigen auch von den unzähligen Jobprofilen, in denen Ehrgeiz als gefragte Eigenschaft dargestellt ist.
Man muss natürlich erst einmal klären, was Ehrgeiz überhaupt bedeutet.
Wikipedia beleuchtet die Wortherkunft und schreibt:
“ursprünglich von Ehre und Geiz, gemeint ist jedoch die mittelalterliche Bedeutung Gier, also „nach Ehre gieren“ und nicht etwa „mit Ehre geizen“”
Meyers Lexikon online schreibt:
“das Streben, andere an Ehre, Geltung oder Macht zu übertreffen; ethisch teils positiv (als Leistungsimpuls), teils negativ bewertet, v. a. als übersteigerter Ehrgeiz (Ehrsucht), der andere in den Schatten zu drängen oder Leistungen vorzutäuschen sucht.”
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass im Englischen, wie im Französischen, nicht zwischen Ehrgeiz und Ehrsucht unterschieden wird. Beides heißt in beiden Sprachen “ambition”.
Warum möchten Firmen also Mitarbeiter einstellen, die ständig versuchen würden, andere Mitarbeiter an Ehre, Geltung oder Macht zu übertreffen?
Ich glaube, dies würde nur zu Neid und Missgunst, zu einem “Wettrüsten” der Untugenden führen und damit wohl eher nicht dem Erfolg der Firma dienlich sein.
Wichtiger noch ist aber die Frage, warum die Menschen selbst über anderen stehen wollen. Natürlich möchte man Anerkennung und Lob erfahren, möchte zeigen, dass man etwas kann.
Dazu ist es aber nicht notwendig, es auf eine Art zu tun, die vermeintlich zeigt, dass Andere eine Sache weniger gut können. Vielmehr sollte es so geschehen, dass Vertrauen in die eigene Sache vorhanden ist und diese somit glaubwürdig erscheint und infolgedessen anerkennungswürdig ist.
Ebenso wenig sollte man die Erwartungshaltung besitzen, dass jede Tat, jedes Handeln sofort belohnt wird.
Es ist falsch, etwas zu tun, weil man sich davon eine Belohnung verspricht. Besser ist, es zu tun, weil man glaubt, dass es das Richtige ist. Ohne Berechnung und ohne Hintergedanken.
Von Bertrand Russell stammt der weise Spruch:
“Zuneigung zu empfangen, ist eine machtvolle Glücksquelle, der Mensch aber, der sie fordert, wird sie nicht erlangen.“
Der Mensch, der verantwortungsvoll, wahrhaftig und konsequent handelt – und nicht nur am eigenen Wohl interessiert ist – wird Anerkennung bekommen. Es ist auch nicht die Quantität der Anerkennung wichtig, sondern ihre Qualität.
Ich denke, dass die Bedeutung des Wortes Ehrgeiz oftmals falsch verstanden und eingesetzt wird. Jemand, der einen großen Willen zeigt, eine Sache durchzuführen und sich darin nicht oder nur schwer beirren lässt, muss deswegen noch nicht ehrgeizig sein. Es ist genauso möglich, dass ihm sein Glauben an die Sache Stärke gibt. Und dieser Glaube wird ihm auch helfen, beim Verfehlen des Zieles oder (noch) fehlender Anerkennung, die Selbstachtung nicht zu verlieren.
Um die Titelfrage zu beantworten: Ich glaube nicht, dass es einen gesunden Ehrgeiz gibt – dieser Begriff ist eine Contradictio in adjecto.
Noch etwas zum Glauben – will man selbigen der Bildagentur fotosearch.de schenken, so sieht es so aus, wenn sich zum Ehrgeiz auch noch Aggressivität und Angst hinzugesellen.



